Spuren durch Raum und Zeit
Manche Orte tragen eine besondere Stille in sich, eine, in der etwas durchscheint. Vielleicht sind es Spuren von Erinnerungen, die sich nicht greifen lassen, aber in der Luft liegen wie der Flügelschlag eines Vogels.
Vögel kommen und gehen. Ohne Futter, ohne Ruf. Sie erscheinen, als wüssten sie um etwas, das Menschen nur erahnen. Sie sind da. Leise. unbeirrbar. Als trügen sie einen Geist in sich. Vielleicht nicht einen bestimmten, sondern das Prinzip des Dazwischen: Zwischen Zeit und Ort, zwischen Leben und Tod, zwischen Festhalten und Loslassen.
Wie Erinnerungen tauchen sie auf, aus einem Irgendwo, verweilen kurz, dann verschwinden sie wieder. Ihre Bewegung ähnelt dem, was in uns geschieht, wenn uns plötzlich etwas berührt: ein Geruch, ein Zitat, ein Blick. Etwas, das uns kurz erinnert an das, was war, und längst vergangen ist.
In manchen Häusern sammelt sich diese Energie. Nicht nur in Dingen, sondern auch in Gesten, in Routinen, in unausgesprochenen Fragen. Der Versuch, Ordnung zu schaffen, wo das Leben überquillt. Der Wunsch, das Flüchtige zu bewahren: in Zetteln, in Objekten, in Aufzeichnungen anderer Stimmen.
Nicht jeder schreibt Tagebuch, aber manche notieren sich, was sie berührt. Sie sammeln nicht aus Besitzwunsch, sondern aus innerer Resonanz: weil ein Satz, ein Bild, ein Moment etwas in ihnen wiedergibt, das sie selbst nicht formulieren konnten.
So wird das Sammeln zur Spurensicherung. Zu einer Chronik einer geistigen Landschaft. Doch das, was gesammelt wurde, bleibt fragmentarisch, wie die Erinnerung selbst. Immer im Übergang, niemals vollständig.
Vielleicht ist die Ordnung der Dinge immer auch eine Art der Übersetzung: von Chaos in Struktur, von Überforderung in Form, von Erinnerung in Zeichen.
Die Räume, die dabei entstehen, gleichen Übergangszonen. Orte, an denen Innen und Außen sich berühren, an denen Vergangenes aufscheint und Gegenwart durchlässig wird. Hier beginnt das Haus der Dinge.
Es ist ein Ort für das, was nicht vergeht, obwohl es längst vergangen ist. Ein Ort für das Schweben zwischen Festhalten und Loslassen.
Ein Ort, an dem Vögel noch wissen, was Menschen längst vergessen haben.